Rückblick auf die 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik e. V. in Wien

 

Kriminalität im Wandel – Eskalation und neue Brennpunkte

Vom 18. bis 20. Oktober 2026 fand unter der Tagungspräsidentschaft von MMag. Daniel Smeritschnig die 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik e. V. (DGfK) im Rainers Hotel in Wien statt. Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und unterschiedlichen beruflichen Disziplinen kamen in der österreichischen Bundeshauptstadt zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Herausforderungen der Kriminalistik auszutauschen.

Unter dem Leitthema „Kriminalität im Wandel – Eskalation und neue Brennpunkte“ widmete sich die Jahrestagung einem breiten Spektrum kriminalistischer, kriminologischer, rechtswissenschaftlicher, psychologischer und sicherheitsrelevanter Fragestellungen.

Eine Besonderheit stellte die erstmalige Durchführung der Jahrestagung über drei Veranstaltungstage dar. Mit insgesamt 15 Fachvorträgen renommierter Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis bot das erweiterte Veranstaltungsformat die Möglichkeit, zahlreiche aktuelle Themenbereiche vertiefend zu behandeln und zugleich ausreichend Raum für fachliche Diskussionen, persönliche Gespräche und die Pflege bestehender sowie den Aufbau neuer Netzwerke zu schaffen.

Sonntag, 18. Oktober 2026 – Cold Cases, forensische Wissenschaft und Mitgliederversammlung

Den Auftakt der Jahrestagung bildete die Mitgliederversammlung der DGfK, in deren Rahmen neben vereinsinternen Angelegenheiten auch personelle Entscheidungen getroffen wurden.

Kathleen Noll wurde zur neuen Schatzmeisterin der Gesellschaft gewählt. Gerd Ley, LL.M., Institutsleiter der Academia Criminalis, wurde erneut in den Vorstand gewählt. Beiden gilt der Dank für ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und die weitere Entwicklung der Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Im Rahmen der Vorstandssitzung wurde darüber hinaus die Gründung der neuen Fachgruppe „Tötungsdelikte – Interdisziplinäre Kriminalistik“ beschlossen. Die Leitung der Fachgruppe übernimmt MMag. Daniel Smeritschnig.

Ziel der Fachgruppe ist es, den interdisziplinären wissenschaftlichen und praxisorientierten Austausch auf dem Gebiet der Tötungsdelikte nachhaltig zu fördern. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Verknüpfung kriminalistischer, kriminologischer, rechtswissenschaftlicher, rechtsmedizinischer und psychologischer Erkenntnisse sowie die gemeinsame Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen bei der Aufklärung und Analyse von Tötungsdelikten.

Die Fachgruppe soll Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Strafverfolgung, Justiz und angrenzenden Fachdisziplinen zusammenführen, neue Forschungsimpulse setzen und den Wissenstransfer zwischen wissenschaftlicher Forschung und kriminalistischer Praxis stärken. Mit dieser Initiative unterstreicht die DGfK ihren Anspruch, die Weiterentwicklung der Kriminalistik aktiv mitzugestalten und die fachübergreifende Zusammenarbeit nachhaltig zu fördern.

Im Anschluss eröffneten Prof. Thomas E. Gundlach, Präsident der DGfK, und MMag. Daniel Smeritschnig, Tagungspräsident, die 21. Jahrestagung.

Den fachlichen Auftakt gestaltete Dr. Annette Marquardt, Erste Staatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft Verden, mit ihrem Vortrag „Cold Cases – praktische und rechtliche Problemfelder“. Sie beleuchtete die besonderen Herausforderungen bei der erneuten Bearbeitung ungeklärter, teilweise Jahrzehnte zurückliegender Tötungsdelikte. Dabei wurde deutlich, wie eng kriminalistische Erfahrung, rechtliche Rahmenbedingungen und moderne wissenschaftliche Untersuchungsmethoden miteinander verbunden sind.

Anschließend widmete sich Dr. Pia Jores von QIAGEN in ihrem Vortrag „Keine ScienceFIGGtion! – Chancen, Grenzen und Perspektiven der genetischen Genealogie und erweiterte DNA-Analysen in Cold Cases“ den Möglichkeiten innovativer molekulargenetischer Verfahren. Der Beitrag verdeutlichte, welches Potenzial neue Analysemethoden für die Aufklärung bislang ungelöster Kriminalfälle besitzen und welche fachlichen und rechtlichen Grenzen dabei zu berücksichtigen sind.

Mit Dr. Silke Brodbeck, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Blutspurenmusteranalyse und Tathergangsrekonstruktion, folgte ein weiterer forensisch bedeutsamer Themenbereich. Ihr Vortrag „Die Bedeutung des Schädel-Hirn-Traumas in der Forensik“ eröffnete Einblicke in die Bedeutung medizinischer und kriminaltechnischer Erkenntnisse für die Rekonstruktion von Gewaltereignissen.

Der erste Veranstaltungstag fand bei einem gemeinsamen Abendessen seinen Ausklang. Bereits hier zeigte sich, dass der persönliche Austausch über institutionelle und nationale Grenzen hinweg einen wesentlichen Bestandteil der Jahrestagung darstellt.

Montag, 19. Oktober 2026 – Forensische Toxikologie, Gefährlichkeitsbeurteilung, digitale Ermittlungen und neue Gewaltphänomene

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Grußwort des österreichischen Bundesministeriums für Inneres, überbracht durch Sektionschef Mag. Karl Hutter, MBA. Seine Teilnahme unterstrich die Bedeutung des fachlichen Dialogs zwischen staatlichen Sicherheitsbehörden, kriminalistischer Praxis und Wissenschaft.

Den ersten Fachvortrag des Tages hielt Prof. Dr. Volker Auwärter, Leiter der Sektion Forensische Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. Unter dem Titel „Neue psychoaktive Substanzen in der forensischen Toxikologie“ befasste er sich mit aktuellen Entwicklungen im Bereich psychoaktiver Substanzen und den damit verbundenen Herausforderungen für deren analytischen Nachweis und forensische Bewertung.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Beurteilung gefährlicher Straftäterinnen und Straftäter. Dr. Peter Straub, Präsident der schweizerischen Fachkommission zur Beurteilung der Gemeingefährlichkeit und Richter am Kantonsgericht, referierte zum Thema „Psychisch schwer gestört oder doch ‹bloss› kriminell? – Risikoeinschätzung von gemeingefährlichen Straftäter in der Schweiz“. Der Vortrag verdeutlichte die anspruchsvolle Schnittstelle zwischen Psychiatrie, Kriminologie, Strafrecht und der praktischen Einschätzung zukünftiger Gefährlichkeit.

Mit der zunehmenden Digitalisierung der Strafverfolgung beschäftigte sich Stefan Hasse von der Bundespolizeiakademie Lübeck. Sein Vortrag „Digitale Beweise ohne Grenzen? – Eine Einführung in die E-Evidence-Verordnung zum Zwecke der Strafverfolgung“ behandelte neue rechtliche Möglichkeiten und Herausforderungen bei der grenzüberschreitenden Sicherung elektronischer Beweismittel.

Auch aktuelle Bedrohungen für die innere Sicherheit fanden Eingang in das Tagungsprogramm. Ein Fachbeitrag aus dem Bereich der österreichischen Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) widmete sich unter dem Titel „Nachrichtendienst und kriminalpolizeiliche Ermittlungen in Österreich im Spannungsfeld hybrider Bedrohungen“ den besonderen Herausforderungen moderner Sicherheitsarchitekturen.

Einen weiteren hochaktuellen Themenkomplex behandelte Dr. Ursula Gasch, Diplom-Psychologin und Kriminologin am Institut für Gerichts- und Kriminalpsychologie in Tübingen. Ihr Vortrag „Neue Subkulturen zwischen Selbstjustiz und Extremismus – Digitaler Raum als Tatmittel und Tatort sogenannter ‚Pedo-Hunter‘ und der Onlinegruppe ‚764‘“ verdeutlichte, wie digitale Kommunikationsräume zur Entstehung und Verbreitung neuer Gewalt- und Extremismusphänomene beitragen können.

Dass Gewalt und Diskriminierung auch im sportlichen Umfeld Gegenstand kriminologischer Forschung sind, zeigte Dr. Thaya Vester von der Universität Tübingen. In ihrem Vortrag „Der Fußballplatz als Tatort? Kriminologische Erkenntnisse zu Gewalt und Diskriminierung“ stellte sie wissenschaftliche Perspektiven auf Gewaltphänomene im Fußball und deren gesellschaftliche Zusammenhänge vor.

Den fachlichen Abschluss des zweiten Tages gestaltete Oberst Martin Roudny, BA, MA, vom Landeskriminalamt Wien mit seinem Vortrag „Der Terroranschlag in Wien – Einsatz, Bewältigung und Nachbereitung“. Der Beitrag bot Einblicke in die polizeiliche Bewältigung eines außergewöhnlichen Einsatzgeschehens und verdeutlichte die Bedeutung professioneller Einsatzstrukturen, koordinierter Zusammenarbeit und einer fundierten Nachbereitung.

Ein besonderer Höhepunkt des Abends war der Sektempfang der Vereinigung Kriminaldienst Österreich (VKÖ). Die DGfK bedankt sich herzlich bei der VKÖ für die Einladung.

Der anschließende gemeinsame Abend bot erneut Gelegenheit, die fachlichen Diskussionen in persönlicher Atmosphäre fortzuführen, Erfahrungen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.

Dienstag, 20. Oktober 2026 – Psychologie, Gewaltanalyse, künstliche Intelligenz und Sicherheitsmanagement

Ja, „mit einem Vortrag zu einem hochaktuellen Thema“ klingt besser und stellt die Aktualität des Themas in den Vordergrund.

Der dritte Veranstaltungstag begann mit einem interessanten Vortrag zu einem hochaktuellen Thema von Oberregierungsrätin Marie-Luise Lenzner, Diplompsychologin, Psychologischer Psychotherapeutin und Notfallpsychologin sowie Leiterin des Sozialwissenschaftlichen Dienstes der Bundespolizei in Bad Bramstedt. Unter dem Titel „Umgang mit Personen in psychischen Ausnahmezuständen – Hintergründe und Handlungsempfehlungen zur Deeskalation“ beleuchtete sie die psychologischen Hintergründe außergewöhnlicher Verhaltensweisen, mögliche Ursachen für Eskalationen sowie praxisorientierte Handlungsempfehlungen zur Deeskalation und Eigensicherung in herausfordernden polizeilichen Einsatzsituationen. Ein Thema, das angesichts der zunehmenden Herausforderungen im polizeilichen Alltag aktueller denn je ist.

Im Anschluss referierte Dr. David Grasmann zum Thema „Der Gewalt auf der Spur“ und widmete sich damit einem zentralen Gegenstand kriminalistischer und kriminologischer Auseinandersetzung.

Eine besonders sensible Problematik behandelte Rechtsanwalt Mario H. Seydel aus Berlin. Sein Vortrag „Der tödliche Schluss: Wie eine vorschnelle Suizidannahme die Spurensicherung beeinträchtigt“ verdeutlichte die Bedeutung einer ergebnisoffenen kriminalistischen Herangehensweise. Gerade bei ungeklärten Todesfällen ist es wesentlich, alternative Geschehensabläufe sorgfältig zu prüfen und eine frühzeitige Festlegung auf einzelne Hypothesen zu vermeiden.

Mit den Möglichkeiten und Grenzen moderner Technologien beschäftigte sich Univ.-Prof. Dr. Wilfried Honekamp, Leiter des Polizeitechnischen Instituts an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. In seinem Vortrag „Künstliche Intelligenz in der Kriminaltechnik – Möglichkeiten, Grenzen und Perspektiven“ wurden aktuelle technologische Entwicklungen und deren Bedeutung für die zukünftige kriminalistische Arbeit thematisiert.

Den letzten Fachvortrag der Jahrestagung hielt Prof. Dr. Harald Olschok, Honorarprofessor für Sicherheitswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Unter dem Titel „Sicherheitsmanagement zum Schutz kritischer Infrastrukturen“ behandelte er die wachsende Bedeutung eines systematischen Sicherheitsmanagements angesichts sich verändernder Bedrohungslagen.

Mit der Verabschiedung durch Tagungspräsident MMag. Daniel Smeritschnig und dem Schlusswort des Präsidenten Prof. Thomas E. Gundlach endete die dreitägige Fachveranstaltung.

Wissenschaft und Praxis im Dialog – der besondere Wert persönlicher Begegnungen

Die Jahrestagung 2026 machte erneut deutlich, dass Kriminalistik nicht isoliert innerhalb einzelner Fachdisziplinen betrachtet werden kann. Vielmehr erfordert die Bewältigung gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Polizei, Justiz, Rechtsmedizin, Psychologie, Kriminologie, Sicherheitsmanagement und weiteren angrenzenden Disziplinen.

Gerade die Vielfalt der vertretenen Professionen und die unterschiedlichen Perspektiven der Referentinnen und Referenten ermöglichten einen besonders wertvollen interdisziplinären Austausch.

Wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen insbesondere dann an Bedeutung, wenn sie in die kriminalistische Praxis einfließen. Umgekehrt entstehen neue wissenschaftliche Fragestellungen häufig erst durch konkrete Herausforderungen und Erfahrungen aus der Praxis.

Neben den Fachvorträgen bildeten deshalb die persönlichen Begegnungen, gemeinsamen Gespräche und fachlichen Diskussionen einen wesentlichen Bestandteil der Veranstaltung. Die Pausen, gemeinsamen Mahlzeiten und Abendveranstaltungen boten zahlreiche Gelegenheiten, bestehende Kontakte zu vertiefen, neue Kooperationen anzubahnen und Erfahrungen über Länder- und Organisationsgrenzen hinweg auszutauschen.

Gerade in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt bleibt der unmittelbare persönliche Dialog unverzichtbar. Vertrauen, gegenseitiges Verständnis und nachhaltige fachliche Netzwerke entstehen nicht allein durch den Austausch von Informationen, sondern vor allem durch persönliche Begegnungen.

Die Jahrestagung der DGfK versteht sich daher nicht ausschließlich als Fortbildungsveranstaltung, sondern ebenso als Plattform zur Vernetzung von Wissenschaft und Praxis sowie zur Förderung einer lebendigen, interdisziplinären kriminalistischen Fachgemeinschaft.

Die Gründung der neuen Fachgruppe „Tötungsdelikte – Interdisziplinäre Kriminalistik“ ist zugleich ein konkretes Beispiel dafür, wie aus dem fachlichen Dialog neue Initiativen und langfristige Formen der Zusammenarbeit entstehen können.

Ausblick auf die 22. Jahrestagung 2027 in Bremen

Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurde auch der Blick auf die kommende Jahrestagung gerichtet.  Die 22. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik e. V. wird 2027 in Bremen stattfinden.

Zur Tagungspräsidentin wurde Prof. Dr. Petra Hasselmann gewählt. Bei der Vorbereitung und Organisation wird sie von Petra Rump und Florian Stoeck unterstützt.

Die DGfK freut sich bereits auf die Fortsetzung des wissenschaftlichen und praktischen Austauschs im kommenden Jahr.

Dank und Schlusswort

Mit der 21. Jahrestagung in Wien hat die Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik e. V. erneut einen wichtigen Beitrag zur Förderung und Weiterentwicklung der Kriminalistik in Wissenschaft und Praxis geleistet.

Ein besonderer Dank gilt allen Referentinnen und Referenten, die mit ihrem Fachwissen, ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren praktischen Erfahrungen wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben.

Ebenso richtet sich der Dank an sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die durch ihr Interesse, ihre Diskussionsbeiträge und ihre Bereitschaft zum offenen fachlichen Austausch diese Jahrestagung bereichert haben..

Die erstmalige dreitägige Jahrestagung in Wien hat eindrucksvoll gezeigt, wie wertvoll es ist, Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Ländern zusammenzubringen, gemeinsame Fragestellungen zu diskutieren und voneinander zu lernen.

Denn die Weiterentwicklung der Kriminalistik lebt nicht allein von wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Innovationen, sondern insbesondere von jenen Menschen, die bereit sind, ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Perspektiven miteinander zu teilen.

In diesem Sinne bleibt die Jahrestagung 2026 nicht nur als eine fachlich vielseitige Veranstaltung, sondern auch als Ort wertvoller Begegnungen, neuer Impulse und gelebter Zusammenarbeit in Erinnerung.

MMag. Daniel Smeritschnig

Tagungspräsident der 21. Jahrestagung 2026

Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik e. V.